Das Kernproblem von Elend und Ausweglosigkeit ist weltweit überall ähnlich – und lautet „Armut“. Auch in Indien sind die (finanziellen) Ressourcen sehr ungleich verteilt. Wer nicht an dem – durchaus vorhandenen – nationalen Wohlstand teilhaben kann, besitzt nur geringe Chancen auf ein menschenwürdiges Leben, so wie wir es definieren würden. Dabei kommt ein Problem selten allein: Wer arm ist, hat in der Regel weniger Zugang zu höherer Bildung und zu guter Gesundheitsversorgung – und leidet auch unter der aktuellen Coronakrise am stärksten. Nach internationalen Maßstäben gelten über 900 Millionen Inder als arm.

Ungleiches Einkommen in Indien

Vor allem in zwei Gruppen, die eng miteinander verknüpft sind, ist Armut ein Massenphänomen: zum einen bei der Landbevölkerung, die zwei Drittel aller Einwohner ausmacht, zum anderen in den Slums indischer Metropolen. Wenn Menschen von ihrem Dorf, das ihnen kein ausreichendes Auskommen bieten kann, in die Städte abwandern, landen sie sehr häufig in den ausufernden Elendsvierteln. Nur einer Minderheit gelingt es durch diese „Landflucht“ auch der Armut zu entkommen.

Es gibt viele Zahlenspiele, die die Ungleichheit der indischen Gesellschaft ausdrücken. In der Tat ist es bemerkenswert, dass in Indien weit über 750.000 Millionäre leben, während das Land gleichzeitig einen Wert von etwa 27 im Welthunger-Index erreicht (Stand 2020). Die rechnerisch ermittelte Zahl 27 bedeutet, dass die Lage in Indien „ernst“ ist, und kaum besser als in Afghanistan und vielen Teilen Zentralafrikas. Zwar ist der Hungertod in Indien glücklicherweise nicht alltäglich, aber Unter- und Mangelernährung treffen rund ein Viertel der Einwohner. Das Resultat ist eine hohe Kindersterblichkeit, die etwa zehnmal so hoch ist wie in Deutschland.

Das über viele Jahre rekordverdächtig hohe indische Wirtschaftswachstum ist bei den armen Bevölkerungsschichten kaum bis gar nicht angekommen. In mancher Hinsicht hat sich die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter geöffnet. Viele Kleinbauern sind überschuldet, besitzen zu kleine Parzellen und leiden unter sinkenden Absatzpreisen. Obwohl sie selbst die Nahrungsmittel für das Riesenreich produzieren, können sie ihre Familien kaum ernähren. Denn Armut erzeugt Hunger.

Faktoren der Ungleichheit

Ob jemand in Indien arm oder reich ist, hungrig oder satt, hängt stark von der Gruppenzugehörigkeit ab. Neben Land- und Slumbewohnern haben es Kinder, Frauen und angehörige „niederer“ Kasten besonders schwer.

Wenn Kinder die ersten schwierigen Lebensjahre gut überstehen, erwartet sie oftmals keine Schulbildung, sondern Kinderarbeit, zum Beispiel auf den Feldern der Familie oder in der Fabrik. Im Ergebnis sind rund 25 Prozent aller erwachsenen Inder Analphabeten. Allerdings können – und das führt nahtlos zum zweiten Themenkomplex – immerhin über 80 Prozent der Männer Lesen und Schreiben, aber nur etwa 65 Prozent der Frauen. Die Ungleichbehandlung der Geschlechter zeigt sich besonders krass darin, dass Indien einen deutlichen Männerüberschuss aufweist, weil weibliche Föten häufiger abgetrieben werden.

Auch über das indische Kastenwesen ist viel geschrieben worden. Traditionell ist die hinduistische Mehrheitsgesellschaft Indiens in mehr als 2000 „Kasten“ eingeteilt, die die soziale Stellung jedes Menschen vom Leben bis zum Tod definieren wollen. Zwar hat der indische Staat Benachteiligungen aufgrund von Kastenzugehörigkeiten schon vor Jahrzehnten verboten, dennoch spielt dieses Kriterium noch immer eine (regional variierende) Rolle, wenn es um die Lebenschancen von Menschen geht. Problematisch erscheint insbesondere die kastenlose, auch als „Unberührbare“ übersetzte Gruppe der Paria/Dalit. Obgleich hier westlich geprägte Typisierungen an ihre Grenzen stoßen, bilden die Paria de facto einen erheblichen Teil der indischen Unterschicht.

Spenden gegen die Armut

Sind Spenden ein plausibler Weg, diesen fatalen Bedingungen zu entkommen und die Lebenschancen von Menschen zu verbessern? Angesichts des massenhaften Elends wäre vergleichsweise wenig gewonnen (um es plakativ zu formulieren), einzelnen Bauern ein Bündel Rupien oder US-Dollar in die Hand zu drücken. Sowohl in der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit (die früher „Entwicklungshilfe“ hieß) als auch in der modernen Arbeitspraxis von Spendenorganisationen steht das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ im Zentrum. Zudem sollen eingesetzte Geldmittel möglichst Multiplikatoreffekte erzielen. Vereinfacht ausgedrückt: Gebt nicht der Bauerfamilie ein Geldbündel, sondern baut mit indischen Arbeitskräften eine Schule, in der indische Lehrer dafür sorgen, dass indische Kinder eine bessere Bildungschance bekommen und irgendwann ein befriedigendes Einkommen für sich und ihre Angehörigen erziehen.

Kann das funktionieren? Ich denke, ja, auf lange Sicht.

Spenden gegen Armut und Ungleichheit