Es wäre vermessen, die indische Geschichte in einem kurzen Textbeitrag erschöpfend abhandeln zu wollen. Im Hinblick auf gegenwärtige Probleme lohnt aber doch ein schlaglichtartiger Blick auf einige wichtige Eckdaten, vor allem auf die Kolonialgeschichte der Landes.

Die womöglich erste Berührung „Europas“ mit dem, was wir heute Indien nennen, geht auf die Expansionsbestrebungen Alexanders des Großen zurück. 326 vor Christus scheiterte sein Indienfeldzug nicht zuletzt am heftigen Monsunregen. In den folgenden Jahrhunderten prägten zahlreiche Dynastien die Region, die mit wechselnden religiösen Einflüssen (Buddhismus, Brahmanismus, Hinduismus, Islam) verknüpft waren. Eine letzte islamische Blütezeit war das Mogulreich, das vor allem im 16. und 17. Jahrhundert weite Teile des indischen Subkontinents umspannte, bis der letzte regierende Großmogul 1858 von der britischen Kolonialmacht abgesetzt wurde.

Gemälde vom Taj Mahal, angefertigt 1890
Taj Mahal zum 1890 – Quelle: gemeinfrei

Britisch-Indien

Die Machtübernahme Großbritanniens begann zunächst schleichend und ist eng verknüpft mit der Expansion der Britischen Ostindien-Kompanie. Dieser Handelsgesellschaft gelang es bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert, den lukrativen Handel zwischen Europa und Indien unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Ostindien-Kompanie deckte den europäischen Bedarf an Baumwolle, Seide, Tee und anderen begehrten Naturprodukten und baute ihr Monopol auch mit militärischer Gewalt aus. Nachdem das Mogulreich weitgehend zerfallen war, kam es ab 1857 zu einem letzten großen Aufstand gegen die Kolonialherrschaft, dem so genannten Sepoy-Aufstand.

Nach dem Sieg der Europäer wurde die Ostindien-Kompanie aufgelöst und das Reich formell in eine britische Kronkolonie umgewandelt. Britisch-Indien umfasste in seiner größten Ausdehnung nicht alleine das heutige indische Territorium, sondern zusätzlich Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka (früher Ceylon) und Myanmar (früher Birma). Es erstreckte sich etwa vom 60. bis zum 100. östlichen Längengrad. Noch heute wirkt es erstaunlich, wie Großbritannien mit Hilfe einer recht dünnen Schicht von Offizieren und Verwaltungsbeamten Britisch-Indien unterwerfen, regieren und wirtschaftlich ausbeuten konnte.

Porträtfoto von Mahatma Gandhi, aufgenommen in den 1930er Jahren
Matahma Gandhi – Quelle: gemeinfrei

Langer Weg in die Unabhängigkeit

Vorangetrieben wurden die indischen Unabhängigkeitsbestrebungen von zwei Organisationen: dem hinduistisch dominierten Indischen Nationalkongress und der Muslimliga. Über viele Jahrzehnte fußte der Widerstand gegen die britische Kolonialmacht vorwiegend auf friedlichen Mitteln. Eng verbunden mit dieser Phase ist der Name Mahatma Gandhi, einer charismatischen Führerpersönlichkeit, die noch heute in Indien verehrt wird. Trotz allem dauerte es bis 1947, als Gandhis Strategie aufging und Indien in die Unabhängigkeit entlassen wurde.

Bis auf den heutigen Tag hat der britische Einfluss den „Subkontinent“ nachhaltig geprägt. In den indischen Großstädten lebt eine wohlhabende Ober- und Mittelschicht, die sich an „westlichen“ Bildungs- und Kulturidealen orientiert. Englisch ist neben Hindi die zweite offizielle Amtssprache, die weiterhin in Wirtschaft, Verwaltung sowie im Bildungssystem dominiert. Auch in der Kolonialarchitektur vieler indischer Städte ist der britische Einfluss gleichsam verewigt.

Die zwei Pakistans

Ein britisches Vermächtnis hat sich als besonders verhängnisvoll erwiesen: die Teilung des einstigen Britisch-Indien in die jetzige Republik Indien in der Mitte, die ab 1947 westlich und östlich von zwei Staatsgebilden namens Pakistan flankiert wurde. 1971 trennte sich Ost- von West-Pakistan und wurde unter dem Namen Bangladesch selbständig. Während die Nachbarschaft zwischen dem vorwiegend hinduistischen Indien und dem muslimischen Bangladesch vergleichsweise ruhig verläuft, strotzt die Beziehung zum ebenfalls muslimischen Nachbarn Pakistan (im Westen) vor Konfliktpotenzial. Streitfall zwischen Pakistan und Indien ist vor allem die Grenzziehung in der gebirgigen Kaschmir-Region. Schon mehrfach standen die Nachbarn am Rande eines Krieges – oder waren schon darüber hinaus.

Großmacht Indien?

Mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern wird Indien in absehbarer Zeit China als bevölkerungsreichsten Staat ablösen. Dennoch ist Indien sicherlich keine wirtschaftliche Großmacht. Indische Produkte erobern nur in Ausnahmefällen die Weltmärkte und das Bruttoinlandsprodukt ist (gemessen an der Einwohnerzahl) durchaus bescheiden. Zwar erreichen indische Universitäten durchaus „Weltniveau“, aber die ausgebildeten Spezialisten wandern allzu häufig ins besser zahlende Ausland ab.

Dass Indien dennoch als Großmacht zählen muss, liegt nicht zuletzt an der Atombombe: Seit 1974 gilt Indien als Atommacht. Dies ist besonders brisant, da der verfeindete westliche Nachbar, Pakistan, ebenfalls über Atomwaffen verfügt. Indien leistet sich eines der höchsten Militärbudgets weltweit.

Wohin der indische Staat – immerhin eine parlamentarische Demokratie – steuern wird, wird vermutlich auch davon abhängen, inwiefern es gelingt innere Konflikte zu bearbeiten. Das Verhältnis der verschiedenen Religionen, der höchst unterschiedlichen Bundesstaaten, aber auch das indische Kastenwesen und die Stellung der Frauen birgt einiges an Potenzial, das eine Belastung für das Land werden kann (und de facto bereits ist). So wird dem derzeitigen Premierminister Narendra Modi von Kritikern vorgeworfen, Indien in einen Hindu-Staat umwandeln zu wollen.

Geschichte und Gegenwart